Datenzentren: Hungrig. Durstig. Nicht willkommen.

Industrieanlage mit Schornsteinen und Rauch bei Mestre, im Gegenlicht des Sonnenaufgangs, aus dem Zug fotografiert
Extraktionsindustrie bei Mestre (IT) prä-KI, fotografiert aus dem Zug (Dezember 2004).

Während das Internet von schlampigen KI-Texten geflutet wird, gehen in der realen Welt Menschen aus Fleisch und Blut gegen die Infrastruktur, auf der dieser Slop gedeiht, auf die Barrikaden. Denn dort, also offline, draussen verursacht KI immer mehr Lärm und Reibung, und zwar in ihrem physischen «Daheim», den Datenzentren. Hier wird KI sichtbar, hörbar und spürbar.

An einer Gemeindeversammlung im Bundestaat Ohio in den USA, in der wütende Anwohner gegen den Bau eines neuen Datenzentrums protestierten, brachte ein Redner das Problem kürzlich wie folgt auf den Punkt:

Ein Datenzentrum ist ein Grossunternehmen, das Wasser für 50.000 Menschen verbraucht und dabei nur etwa zehn Mitarbeiter beschäftigt. Es ist kein Arbeitgeber, sondern ein Ausbeuter (englisch: an extraction).

Der Protest beschränkt sich längst nicht auf einen einzelnen Ort. Eine kürzlich von der legendären Umweltaktivistin Erin Brockovich ins Leben gerufene interaktive Karte dokumentiert Tausende Bürgerbeschwerden zu existierenden oder möglichen Standorten von Datenzentren. Auch in Europa, Asien und Südamerika nimmt der Widerstand zu.

Denn das Verhältnis von Wasserverbrauch zu Arbeitsplätzen ist nur eines von vielen problematischen Symptomen, die Datenzentren für Gemeinschaften bedeuten. Neben Stress auf die lokalen Wasserreserven bedeuten Datenzentren auch:

  • Stress fürs Stromnetz – der enorme Bedarf an Strom kann regionale Netze an ihre Grenzen bringen bis hin zum Blackout
  • Stress fürs Portemonnaie der Verbraucher in Form von steigenden Energiepreisen, ausgelöst durch die massiv gestiegene Nachfrage und dadurch erforderliche Investitionen in den Netzausbau
  • Dazu kommen Lichtverschmutzung, Bodendegradation und Lärm, denn Ventilatoren und Generatoren verursachen ein permanentes Brummen und Surren,
  • und gesundheitliche Risiken: So entstehen beispielsweise bei fossiler Stromerzeugung vor Ort (z.B. durch Dieselgeneratoren) Feinstaub und andere Luftschadstoffe, die Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen

Die Liste an «externen Effekten», um einen Euphemismus aus der Ökonomie zu bemühen, ist beeindruckend. Es braucht einiges an Fantasie, um glaubhaft darzulegen, dass Datenzentren ein Gewinn für eine Gemeinde bedeuten. Auch das Argument, dass Datenzentren an wirtschaftlich schwachen Standorten durch Steuern wesentliche Beiträge an den kommunalen Haushalt leisten, zählt nicht. Denn Steuern sind weder ein Ersatz für Arbeitsplätze noch ein Schmerzensgeld für Emissionen.

Und bis hierhin reden wir nur von den sichtbaren Symptomen. Dabei geht das Problem tiefer. Es stellt sich die grundsätzliche Frage: Was legitimiert die Existenz solcher Datenzentren? Verdienen sie ihre «license to operate»?

Ich argumentiere, dass Datenzentren Teil eines Geschäftsmodells sind, das auf jeder Stufe mehr extrahiert als schöpft. Und was bekommt die Gesellschaft zurück? Spoiler Alert: Bis auf weiteres denkbar wenig.

Das greifbarste Glied eines hungrigen Geschäftsmodells

Auf den ersten Blick könnte man die Proteste gegen Datenzentren einfach als neue Facette des NIMBY-Phänomens abtun: «Not in my backyard» – als opportunistischen Widerstand von Anwohnern gegen Infrastrukturprojekte, der nur dann auftritt, wenn sie in ihrer Umgebung realisiert werden. Tatsächlich droht in den USA Grundstückbesitzern die teilweise Enteignung oder gar der Abbruch von Häusern für den Bau neuer Hochspannungsleitungen, welche primär den Energiehunger der Datenzentren stillen sollen.

Doch hier geht es um weit mehr als nur um individuelle Besitzstandswahrung. Datenzentren werfen fundamentale Fragen nach ihrem Wert für die Gemeinschaft auf – und zwar auf jedem Schritt der Wertschöpfungskette, in die sie eingebettet sind. Dass sie den Zorn der Öffentlichkeit auf sich ziehen, ist dem Umstand geschuldet, dass sie das greifbarste Glied dieser Kette sind.

Die Kette beginnt früher

Die Extraktion beginnt nicht erst mit dem Bau von Strassen und dem Aushub der Erde für neue Datenzentren, und sie endet längst nicht dort.

Der erste Zugriff auf Ressourcen erfolgte beim Training der Datenmodelle, auf welchen die heute verfügbare generative KI beruht, welche den Boom von Datenzentren massgeblich vorantreibt. Schon hier fand Missbrauch statt – ob nur im moralischen oder auch im juristischen Sinne klären aktuell die Gerichte. Unbestritten ist, dass die Datenmodelle mit Millionen von Werken gefüttert wurden, die von den Tech-Firmen verwendet wurden, ohne die Urheberinnen um Erlaubnis zu fragen, geschweige denn ihnen eine Entschädigung zu bezahlen.

In einer technologisch beeindruckenden Tour de Force frassen sich die Modelle durch Tausende Seiten an sorgfältig von Menschenhirn erdachten und formulierten Texten, schluckten mühsam erarbeitete Forschungsergebnisse, verschlangen unzählige Stunden an Videos, sezierten wochenlang Songs in Soundbytes und zerstückelten Millionen von Bildern in Pixel.

Heute wird das Gefressene statistisch neu kombiniert, aber natürlich ohne Angabe der Herkunft, in den Antworten auf unsere Prompts wieder ausgespuckt.

Drohung für die einen, Versprechen für die anderen

Die Masterminds hinter dieser Technologie brüsten sich damit, nicht nur diejenigen Menschen überflüssig zu machen, deren Werke sie unautorisiert verwendet haben. Oder um es mit Mira Muratis (ex-Open AI) Worten zu sagen: Jobs zu vernichten, die es vielleicht gar nie hätte geben sollen.

Nein, glaubt man Dario Amodei, CEO von Anthropic, so wird KI in den nächsten fünf Jahren voraussichtlich 50 % der Einstiegsjobs verdrängen. Ähnliche Drohungen gibt es auch von Sam Altman, Open AI.

Doch was für Arbeitnehmer eine Drohung ist, ist für Investoren ein Versprechen. Die Menschen, deren Existenz bedroht wird, sind nicht das Zielpublikum, sondern ein Kollateralschaden dieser aggressiven Prognosen. Diese Szenarien sind zwar gemäss unabhängigen Ökonomen wie dem Nobelpreisträger Daron Acemoglu unrealistisch. Doch einige der lautesten Job-Apokalyptiker bereiten ihre Unternehmen auf Börsengänge vor und sind händeringend auf der Suche nach Kapital. Indem sie «Anzahl vernichteter Jobs» als Massstab für Effizienz präsentieren, sollen Kapitalgeber angelockt werden.

Inzwischen rudern übrigens Amodei und Altman zurück. Vielleicht haben sie erkannt, dass es für gewichtige institutionelle Investoren wie Pensionskassen doch nicht so attraktiv ist, das Geld von versicherten Arbeitnehmern in Unternehmen zu investieren, die sich damit brüsten, sie abzuschaffen.

Aber was ist mit der KI, die Krebs heilt?

Nun könnte man sich aber fragen: vielleicht leistet das Datenzentrum in meiner Gemeinde einen Beitrag zu einem «grösseren Ganzen», also zum Gemeinwohl. Vielleicht liefert ausgerechnet die Hochspannungsleitung, die ich nicht auf meinem Grundstück haben will, die Energie für die viel zitierte «KI, die Krebs heilt». Oder für die KI zur «Überwindung von Armut». Oder für den bahnbrechenden Beitrag von KI zur «Lösung vom Klimawandel».

Keine Sorge: Die Chance, dass Sie mit Ihrem Protest gegen ein Datenzentrum die Krebsheilung verhindern, ist klein.

Denn die Datenzentren, die die Infrastruktur unter Druck setzen, dienen primär der generativen KI. Sie treibt den Bauboom an; das ist breit dokumentiert. Und diese KI ist besonders energieintensiv. Zugleich ist sie eine «general purpose»-Technologie: einsetzbar für fast alles, aber für die Lösung echter Probleme nicht zwingend nötig.

Für echte Probleme reicht oft Single Purpose KI. Schon lange bevor sich die Tech-Industrie fast ausschliesslich auf die Entwicklung ressourcenintensiver Modelle versteifte, erbrachten spezialisierte Systeme wichtige Dienste: Krebserkennung, Vorhersage extremer Wetterereignisse, Beschleunigung der Arzneimittelentwicklung, um nur einige zu nennen. Und diese Systeme haben mit den gigantischen Datenzentren, gegen die heute protestiert wird, kaum etwas gemein, weder im Ressourcenverbrauch noch im Zweck.

Grundsätzlich sind Behauptungen über positive Klimaauswirkungen von KI mit Vorsicht zu geniessen. Die meisten von ihnen beziehen sich auf genau diese älteren, spezialisierten Systeme, und eben nicht auf die generative KI, die heute den Löwenanteil des Energieverbrauchs verursacht.

Im Einzelfall lautet die ernüchternde Antwort auf die Frage, was im Datenzentrum läuft: Wir wissen es nicht. Denn von aussen lässt sich nicht beurteilen, welche Art von KI in einem bestimmten Datenzentrum läuft. Anwohner wissen nicht, für welche Art von KI sie ihr Land opfern, mit welcher KI sie ihr Stromnetz und ihre Wasserreserven teilen, und welchem Zweck die Hochspannungsleitung in ihrem Garten dient. Denn die Industrie sagt es ihnen nicht. Transparenz darüber, was in Datenzentren geschieht, wäre aber eine Mindestanforderung, um sich Goodwill in der lokalen Bevölkerung zu verdienen. Und damit meine ich: notwendig, aber keinesfalls hinreichend.

Solange nicht mal diese Fragen geklärt sind, nützen auch die äusserst kreativen Vergleiche wenig, mit denen KI-Evangelisten den massiven Ressourcenverbrauch herunterzuspielen versuchen. Wenn Sam Altman sagt, der Energieverbrauch einer ChatGPT-Anfrage entspreche einer Sekunde Backofenbetrieb, und andere betonen, der Wasserverbrauch von Datenzentren sei im Vergleich zur Landwirtschaft winzig, dann stellt sich nur eine Frage: Wer wird von Tokens satt?

Und so schliesst sich der Kreis

Ausgeblendet wird diese Frage an den Schulen. Während die Eltern an Gemeindeversammlungen lautstark gegen den Bau von Datenzentren protestieren, integriert sich KI naht- und reibungslos in die Laptops in den Schulen ihrer Kinder. Unaufdringlich bietet KI ihre Hilfe an, kaum beginnen sie zu tippen. Möglich wird das dank den Verträgen, welche die Bildungsinstitutionen mit Big Tech abgeschlossen haben. Das Beherrschen von KI, so heisst es, sei entscheidend für die Arbeitskräfte der Zukunft: «Nicht die KI wird dich ersetzen, sondern jemand, der KI besser beherrscht als du». Diese Drohung wirkt.

Aber nur bis zur Abschlussfeier, wo ihnen ein Festredner aus dem Dunstkreis des Silicon Valley vorgesetzt wird. Einer aus exakt jener Garde, die sich anderswo damit brüstet, wie viele Jobs ihre Technologie überflüssig macht. Vor den Absolventen wählt er zwar sanftere Worte: Er redet von industrieller Revolution und alternativlosem Fortschritt.

Doch das nehmen sie ihm nicht ab. Denn sie wissen, dass diese Menschen weiterhin darauf hinarbeiten, dass KI ihre Arbeit übernehmen soll – dieselbe KI, die auf den ungefragt verwerteten Werken ihrer Vorfahren beruht und welcher das Grundstück ihrer Eltern zum Opfer fallen soll. Kein Wunder übertönen sie ihn mit Buhrufen.

Zu Recht.

/